Mittwoch, 8. Juli 2015

Interview mit dem Literaturkritiker und Juror Paul Jandl zum Ernst-Jandl-Lyrikpreis



Paul Jandl wurde 1962 in Wien geboren und studierte an der Universität Wien Germanistik und Philosophie. Seit Ende der achtziger Jahre arbeitet er als freier Kulturjournalist unter anderem für die Neue Zürcher Zeitung. Seit 2010 schreibt Jandl für die deutsche Tageszeitung „Die Welt“, seit 2013 ist er als Lektor des Jung und Jung Verlags und für Müry Salzmann tätig.  Paul Jandl war von 2009 bis 2013 Mitglied der Jury des Ingeborg-Bachmann-Preises.




I: Herr Jandl, ich habe den Eindruck, dass die Veranstaltung größtenteils von einem Fachpublikum besucht wird. Ist das intendiert oder gibt es Bestrebungen den Rahmen zu vergrößern und das Event einem größeren Publikum zugänglich zu machen?



P.J.: Ja, das Publikum ist groß und man könnte den Saal nicht viel größer machen und mehr befüllen als er gefüllt ist und wir sind natürlich froh, wenn es ein qualifiziertes Publikum ist, also es gibt ja verschiedene Veranstaltungen, die ganz bestimmte Ausrichtungen haben. In dem Fall hat sich das bewährt, es so zu machen wie es ist. Hier ist ein bisschen Anschluss mit der Uni und man könnte sehr viel Arbeit investieren, da aus der Gegend noch Publikum zu holen. Das ist natürlich jetzt bei der Lage von Neuberg ein bisschen schwierig. Wer kommen will, der kommt, der weiß, dass das stattfindet und es ist ein ausgesucht gutes Publikum und das finde ich wirklich schön.



I: Sie haben gesagt, sie hätten den Eindruck, dass Lyrik Konjunktur hat. Woran machen Sie das fest und welche Impulse gibt es, um die Rezeption von Lyrik zu fördern?



P.J.: Der beste Impuls ist die Lyrik selbst und wenn das so gelingt wie bei Jan Wagner[1], dass es ein breiteres Publikum trifft, ist das natürlich sehr gut. Da rückt mit dem Leipziger Buchpreis in den Fokus der Öffentlichkeit, dann gibt es Debatten im Feuilleton über Lyrik, es gibt Leute, die das Buch kaufen, wenn es auf der Spiegel Bestseller-Liste ist. Das heißt, da kaufen schon einmal 30 – 40.000 Leute das Buch und das ist für einen Lyrik-Band sensationell. Das heißt, das sind Leser, die lesen Lyrik und interessieren sich dann vielleicht auch weiterhin für Lyrik, das ist natürlich eine gute Möglichkeit. Das meine ich, wenn ich sage, dass Lyrik in den Fokus gerückt ist.



I: Sie sind ja selbst Preisträger vom Staatspreis für Literaturkritik. Wie sehen sie die Funktion der Literaturkritik auf Lyrik?



P.J.: Das ist ein weites Feld. Der Kritiker arbeitet im Feuilleton, ein Bereich in dem es schwierig geworden ist zu arbeiten. Ich habe begonnen vor 25 Jahren für österreichische Tageszeitungen und dann lange für die Zürcher Zeitung zu arbeiten, aber das Feuilleton hat immer weniger Platz. Eine Zeitung ist abhängig von Inseraten, je weniger Inserate da sind, umso dünner wird die Zeitung. Es ist mittlerweile so, dass ein Feuilleton mitunter nur mehr zwei Seiten hat. Als ich da begonnen habe, hatte das Feuilleton vier oder fünf Seiten. Das heißt, je mehr Platz ist, umso mehr Stoff kann untergebracht werden und je mehr Stoff ist umso mehr können sozusagen auch die Orchideenfächer der Literatur untergebracht werden. Das ist aber alles rückläufig, es werden viel weniger Bücher besprochen als noch vor fünf, sechs Jahren. Das ist schwierig und da ist die Lyrik auch betroffen. Es werden immer weniger Lyrik-Bände besprochen  und man kann nur versuchen, diese Dinge unterzubringen.



I: Und Literatur-Events können da einen Ausgleich zu den Printmedien schaffen?



P.J.: Ja, natürlich. Es gibt schon ein seltsames Phänomen, dass gerade Veranstaltungen wo Lyrik gelesen wird auch großen Publikumszulauf haben, immer mehr Literaturfestivals haben immer mehr Publikum, das ist ein ganz seltsames Phänomen. Das gibt es auch in Wien, wenn man sich die O-Töne anschaut, es ist unglaublich, Autoren, die von Ihren Romanen vielleicht 500-600 Exemplare verkaufen, haben dort so viele Zuhörer sitzen und es ist ganz wichtig, dass es diese Dinge gibt, um Literatur ins Volk zu bringen.



I: Eine Frage noch zum diesjährigen Preisträger des Ernst-Jandl-Preises für Lyrik Franz Josef Czernin. Was war für Sie der ausschlaggebende Grund für ihn zu stimmen?



P.J.: Also, der Ernst Jandl Preis ist – wenn man es einmal direkt sagen will – dann ist er einer gewissen Ästhetik verpflichtet, also im Sinne Ernst Jandls, das was er mit Sprache gemacht hat, das was er von Literatur wollte, das sollte sich auch im Werk der Preisträger auch da und dort abbilden. Das kann man erkennen, wenn man die Linie sieht der Preisträger und da gehört ohne Zweifel das Werk von Franz Josef Czernin dazu. Es gibt sogar biographische Anknüpfungen, dass Ernst Jandl ein früher Förderer war von Czernin. Der schüchterne Franz Josef hat ihm Gedichte geschickt und er hat einen langen Brief bekommen von Ernst Jandl mit Anmerkungen zu diesen Gedichten und das ist auch wichtig, dass man sieht, dass von Generation zu Generation etwas weitergegeben wird und Dichter ermuntert werden. Es gibt also diesen biographischen und einen ästhetischen Konnex.






[1] Jan Wagner wurde für seinen Lyrik-Band „Regentonnenvariationen. Gedichte“ mit dem Leipziger Buchpreises 2015 ausgezeichnet.

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